17.12.2011, 10:00 Uhr, Felsenmeer Informationszentrum der Gemeinde Lautertal
Seit seiner Einsetzung ist der Ausschuss für Tourismus, Kultur und Wirtschaftsförderung das Gremium mit der höchsten Sitzungsfrequenz. Mit dem Beschluss der Gemeindevertretung zur Erstellung und Umsetzung eines nachhaltigen Tourismuskonzeptes für ganz Lautertal stürzt sich die Gemeinde Lautertal in ein Abenteuer dessen Verlierer heute schon absehbar sind: die Lautertaler Zivilgesellschaft und die Natur, denn jetzt werden Gewinne systematisch privatisiert und Kosten sozialisiert.
Wortlaut des Auftrages der Gemeindevertretung vom 16.06.2011 an den Ausschuss für Tourismus, Kultur und Wirtschaftsförderung. Zitat: “Mit dem Ziel, in den nächsten fünf Jahren ein funktionierendes Tourismuskonzept aufzustellen und umzusetzen, das von der Bevölkerung mitgetragen wird sowie umwelt und sozialverträglich (nachhaltig) ist, soll eine Ist-Analyse der touristisch relevanten Angebote im Lautertal mit allen davon betroffenen Betrieben, Vereinen, Einrichtungen und Bürgern erstellt werden, unter Berücksichtigung der finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde. Erfaßt werden sollen gastronomische Angebote, touristische Attraktionen und Angebote, Betten, Öffnungszeiten etc. für Gruppen und Einzelwanderer sowie alle eingebundenen Zuliefer-Einrichtungen (Wäschereien, Bäcker, Metzger etc.). Erfaßt werden soll zusätzlich, welche Wünsche es bei den Betrieben, Vereinen und Einrichtungen sowie den Bürgern, dort auch Bedenken gegen Tourismus, gibt. Als Ergebnis der Studie wird ein Soll-Leitfaden “Tourismus im Lautertal” erstellt, der auch die Finanzierbarkeit berücksichtigt.” Zitat Ende.
Prof. Dr. Scherhag von der FH Worms einzuladen war eine längst überfällige Maßnahme, denn sein Referat zeigte deutlich, dass eine breite Information der Öffentlichkeit aus erster Hand von Anfang an unumgänglich ist, weil bei der bisherigen Kommunikation augenscheinlich gefiltert, gefärbt und interpretiert wurde was das Zeug hält. Vergleicht man zum Beispiel die Berichterstattung von Marieta Hiller in der Novemberausgabe des Durchblick – Monatszeitschrift für Lautertal und Modautal auf Seite 6 ff. mit den Ausführungen von Prof. Dr. Scherhag rund um die Themen: Zielsetzung, Formen der Zusammenarbeit & Vorgehensmodell sowie Leistungsumfang und Preisgestaltung, dann stehen sich darin wesentliche Aussagen unvereinbar gegenüber – beachtenswerter Weise gerade an den Stellen wo es ums Geld geht.
Wer nach dem Vortrag von Prof. Dr. Scherhag weiterhin davon ausgeht, Lautertal bekomme von der FH Worms ein vollausgereiftes Tourismuskonzept inklusive Leitbildplanung (Zielsetzung, Strategie, Branding), Marktpotenzialanylse (Besucherbefragung), Wettbewerbervergleich (Benchmarking), Design von Produkten und Leistungen – und am besten aquiriert die FH noch die notwendige Finanzausstattung zur Anschubfinanzierung – für eine Familienpizza und einen Kasten Bier geliefert, der glaubt wahrscheinlich auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten oder die Erde eine Scheibe ist. Wer es trotzdem glauben möchte sei an die unrühmlichen Vorgänge rund um die Planung der Inneneinrichtung des FIZ im Jahre 2006/07 erinnert, als der beauftragte Planer zunächst gefeiert und wenig später grob unsportlich abgesägt wurde, weil der damalige Ausschuss erst grosses Kino bestellte und beim Gedanken an die Rechnung plötzlich kalte Füsse bekam.
190.000 € hat ein vergleichbares Komplettprogramm andernorts gekostet und je ungenauer die Vorgaben von Auftraggeberseite (der Gemeindevertretung) sind umso höher das Risiko von Kostenüberschreitungen. Prof. Dr. Scherhag hat in seinen Ausführungen deutlich darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass Erwartungshaltung des Auftraggebers mit dem Leistungsportfolio des Auftragnehmers harmonieren. Die FH ist zwar nicht darauf angewiesen Gewinne aus Beratungsleistungen zu erzielen, arbeitet aber auch nicht für umsonst und ab einem bestimmten Umfang werden Tätigkeiten von Dritten wie z. B. der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zugekauft, weil diese einfach über die notwendige Kompetenz und Kapazität verfügt, denn z. B. eine Besucherbefragung von 1500 Personen macht man mal nicht so nebenbei.
Wie der Verwaltungschef anlässlich der Gemeindevertretersitzung am 15.12.2011 auf Anfrage von Andreas Hoppe (UBL) ausführte wurden bislang rund um das Felsenmeer knapp 850.000 € ausgegeben, rechnet man die geplanten Ausgaben in 2012 mit dazu. Obwohl ein grosser Anteil dieser Ausgaben durch Zuschüsse versüsst wurde liegen keine halbwegs konkreten Pläne auf dem Tisch wie diese Euros jemals den Weg zurück in die Kasse der Gemeinde finden sollen und genau das ist die offene Flanke aller Tourismusbefürworter rund um das Felsenmeer. Ideen und Vorschläge die Geld kosten – das die Gemeinde nicht hat – mit denen die Attraktivität des Felsenmeeres für Besucher gesteigert werden kann spriessen wie Pilze aus dem Boden; Finanzierungskonzepte wie sich diese “Investitionen” rechnen sucht man vergebens.
Obwohl das Felsenmeer inzwischen von +/- 160.000 Besuchern jährlich aufgesucht und zunehmend verwüstet wird ist es bislang nicht gelungen daraus eine nennenswerte Wertschöpfung für die Gemeinde zu generieren, so lässt sich die zentrale Kritik an die Adresse der Verantwortlichen zusammenfassen. Eine Lösung ist nicht in Sicht, denn zu unterschiedlich sind die Motive der handelnden Personen und Interessengruppen. Udo Rutkowski (GLL) brachte es auf den Punkt, indem er forderte, dass Kriterien definiert werden müssen anhand derer Erfolge messbar gemacht werden, um weitere Ausgaben legitimieren zu können.
Kommunikation gilt als einer der wesentlichsten Erfolgsfaktoren für Projekte und genau damit tun sich die Verantwortlichen sichtlich schwer, wenn es darum geht konkret zu werden. Warum braucht Lautertal ein Tourismuskonzept? Welchen Nutzen haben Gäste und Bürger davon? Wie sieht das “big picture” aus, wie anstrengend wird der Weg dorthin und welcher Lohn wartet am Ende der Strecke? Wer eine Antwort sucht wird mit Phrasen abgespeist die schon bei der geringsten Nachfrage umkippen.
Ich frage mich, warum es so schwer ist bei den örtlichen Unternehmern ein paar tausend Euro für die Erstellung eines Tourismuskonzeptes einzusammeln, wenn, dem Sprachgebrauch der Tourismusbefürworter zufolge, im Felsbergwald angeblich hinter jedem Baum und unter jedem Stein Umsätze für die örtliche Wirtschaft nur darauf warten gehoben zu werden? Die Kosten für ein solch gewinnbringendes Tourismuskonzept müssten sich demnach in kürzester Zeit wieder einspielen – tun sie aber nicht, denn der Markt gibt es nicht her, weil von Oktober bis Ostern am Felsberg praktisch tote Hose ist und jeder weiss das. Und weil das so ist soll die Gemeinde mal wieder die Kasse aufmachen.
Finanzpolitik in Lautertal wird in den kommenden Jahren in erster Linie Signalpolitk sein. Den “Erlebnisbereich Felsenmeer” für Touristen anzuhübschen und gleichzeitig die Kindergartenbeiträge zu erhöhen und damit Lautertal als Wohnort für Familien unattraktiv zu machen ist eindeutig das falsche Signal will man Lautertal eine Zukunft geben. Rund um den Tourismus in Lautertal bedarf es einer neuen Ehrlichkeit im Umgang mit Zahlen, Daten und Fakten, wenn es um Investitionen und Wertschöpfung geht.
Wieviel Geld muss am Felsenmeer noch nutzlos zum Fenster rausgeworfen werden bevor die Gemeindevertreter erkennen, dass es sie nicht gibt die Hundertschaften hungriger und durstiger Touristen, die mit hämmernden Fäusten gegen geschlosseene Gasthaustüren schlagen, wie unlängst von Landrat Wilkes (CDU) in einem Vortrag auf Einladung der Wirtschaftsvereinigung dargestellt. Allein 15.000 Euro will die Gemeinde 2012 am Felsenmeer Infozentrum für die Pflanzung von Bäumen und Blühsträuchern ausgeben! Jeweils 5.000 Euro für einen Grillplatz und einen Sitzkreis, 15.000 Euro für einen Spielplatz und bis zu 30.000 Euro für die Wegebefestigung vom FIZ zum Felsenmeer.
Ich finde es auch unredlich gegenüber Prof. Dr. Scherhag und der Fachschaft der FH Worms so aufzutreten, als verfüge Lautertal über Finanzmittel mit denen die Ergebnisse eines Tourismuskonzeptes umgesetzt werden könnten. Im Angesicht von prognostizierten 9,5 Mio. Euro Kassenkredit innerhalb der kommenden zwei Jahre (evtl. auch schneller) frage ich mich, wo dieser finanzielle Gestaltungsspielraum herkommen soll. Wenn im Ausschuss schon darüber diskutiert werden muss, ob es dem Bürger überhaupt – und wenn ja in welcher Form zu welcher Zeit – zuzumuten ist zu erfahren welcher Kostenrahmen mit der FH verhandelt wird, weil dies von der Bürgerschaft evtl. nicht widerspruchslos akzeptiert werden würde, dann kann der Ausschuss eigentlich gleich einpacken. Ich jedenfalls bin gespannt, ob die reformfähigen und -willigen Kräfte im Ausschuss es schaffen sich durchzusetzten, damit am Felsenmeer nicht noch länger schlechtem Geld gutes hinterhergeworfen wird.