Liebe Leserin,
Lieber Leser,

als Jungendliche führten wir eine virtuelle Hitliste der dümmsten Verbotsargumente unserer Eltern. Neben Klassikern wie “das wurde schon immer so gemacht” oder “das gehört sich nicht” bekamen wir häufig einen Spruch zu hören, den wir damals als Tiefpunkt pädagogischer Hilflosigkeit empfanden – und bis heute empfinden. Eine Phrase mit der unsere Väter und Mütter so gut wie niemals erreichten was sie wollten. Dieser Satz hiess: “Was sollen nur die Nachbarn denken?”

Um der Inhaltsleere eines Argumentes auf die Spur zu kommen, hilft oftmals es umzudrehen. Ist die gegenteilige Behauptung völlig sinnlos, dann ist meist auch an dem Argument nicht allzuviel dran. Gut oder schlecht, richtig oder falsch – das ist keine Frage, die man der Anstandstante im Nachbarhaus überlassen sollte. Man muss sich schon die Mühe machen, selbst zu entscheiden.

Die Bürger Lautertals haben ein Recht darauf zu erfahren wie im politischen Unterholz der Hase läuft, wohin er läuft und mit wem er sich dort trifft.

Politische Mehrheiten und wie diese Zustandekommen ist eine Sache, was diese dann Zustandebringen eine andere, denn der Handlungsspielraum der Akteure ist ziemlich eng. Und weil das so ist, greift der vielfach gehörte Satz: “Das Rathaus wird´s schon richten” einfach zu kurz, denn die Gemeindeverwaltung verfügt weder über die Ressourcen noch den ordnungspolitischen Auftrag für alle Lebenssituationen vorzubeugen. Die Zivilgesellschaft ist im hier und jetzt gefordert mit kreativen Ideen die Lücken der Sozialstaatsorganisation zu schliessen in deren Gassen oft ein kalter Wind zieht, denn unübersehbar drängen die gesellschaftlichen Zukunftsfragen auch ins Lautertal und verlangen nach Antworten die über den Tellerrand hinausgehen.

Der 27.03.2011 wird aus mindestens zwei Gründen in die Geschichtsschreibung eingehen. Erstens: Die absolute SPD Mehrheit in der Gemeindevertretung ist beendet und zweitens: mit der unabhängigen Bürgervertretung Lautertal (UBL) gelingt es einer Gruppierung in die Gemeindevertretung einzuziehen die erst vor vier Monaten gegründet wurde, die weder Plakate geklebt noch Flyer verteilt hat oder über populäre Gesichter verfügt die medienwirksam in Kameras lächeln. 3,8 % ist ein Achtungserfolg für die UBL den man ebensowenig wegdiskutieren kann wie die 17,1% für die “Grüne” Liste Lautertal oder die Tatsache, dass eine Freie Wählergemeinschaft Lautertal (FWGL) sang- und klanglos von der Bühne verschwunden ist und nicht mehr angetreten war.

Ich bin sicher, dass die Kommunalpolitik im Lautertal in der nun beginnenden Wahlperiode so spannend wird wie niemals zuvor, denn wie weit tragen Entscheidungen einer Gemeindevertretung, wenn diese auf der Legitimation von schlimmstenfalls nicht einmal 26% der Bevölkerung beruhen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass so manches Statement, was schnell mal ins Wahlprogramm geschrieben wurde, weil es mehr dem aktuellen Zeitgeist als fundiertem Wissen oder mindestens einer festen Überzeugung entsprungen ist, dem ein oder anderen Kommunalpolitiker in den nächsten Jahren ziemlich schwer im Magen liegen wird.

Mit herzlichen Grüssen
Jörg Fink

Lautertal, 30.03.2011