Wie soll/kann das mit der Energiewende eigentlich funktionieren?
Es kann einem fast schwindelig dabei werden, mit welcher Frequenz der Bürger mit neuen Statements zum Thema Atomausstieg überhäuft wird. Manchmal sieht es fast so aus, als lieferten sich Politiker (fast) aller Couleur eine Art Wettrennen um den schnellsten, schönsten, nachhaltigsten, wirtschaftlichsten, sozial verträglichsten und vor allen Dingen unumkehrbarsten Atom-Ausstiegsplan aller Zeiten. Der Dämon ist – zumindest auf dem Papier – besiegt und der Kadaver wird nur noch ein bisschen auf der Medienbühne hin und hergerollt, damit auch jeder die Möglichkeit hat sich mit seiner Jagdtrophäe ablichten zu lassen. Ist also alles in Butter? Von wegen – jetzt geht die Arbeit erst richtig los, denn die “Energiewende” wird nur funktionieren, wenn den Beschlüssen und Plänen auch Taten – und nicht zuletzt auch Investitionen – folgen.
Auch wenn ich kein ausgewiesener Fachmann auf diesem Gebiet bin denke ich mal laut darüber nach, was Energiewende eigentlich ganz konkret vor Ort bedeutet und wie sie in Lautertal realisiert werden könnte, denn wer aus der Atomkraft aussteigt muss nachvollziehen können worin er eigentlich einsteigt. Also liebe Mitbürger: Hört auf den Austieg aus der Kernkraft zu feiern und stellt schon mal den Sekt für die “Einstiegsfeier” in erneuerbare Energien kalt.
Worum geht es: Im Kern bedeutet Energiewende die Abkehr von der heutigen zentralen Stromerzeugung in Grosskraftwerken mit langen Transportwegen, geringen Speicherkapazitäten und einer stufenweisen Laststeuerung (Vollast/Teillast). Als primäre Energiequelle werden fossile Brennstoffe (Öl, Gas, Kohle) eingesetzt deren Vorrat endlich ist. Auch das Prinzip der Energieumwandlung ist seit Anbeginn der Zeit gleich geblieben: Es wird “Wasser gekocht”, um mit dem Dampf Turbinen anzutreiben an denen letztlich die Generatoren hängen. Ich beschreibe das deswegen so deutlich, da die SPD am Ort gerne mit dem Szenario kokettiert “Wir ersetzen einfach alle Kernkraftwerke durch Gas- und Kohlekraftwerke (das Co2 pressen wir in die Erde); den Rest besorgen Häuslebauer mit Solarzellen auf´m Dach und Energiesparlampen in der Küche und fertig ist die Energiewende” – so einfach geht´s dann auch nicht.
Die Energiewende basiert auf einem Ziel, dass von einer breiten Mehrheit in der Gesellschaft getragen und aktiv gelebt wird. Es gehört an dieser Stelle auch die Feststellung dazu, dass “raus aus der Atomkraft” nur ein Etappenziel auf dem Weg zum Gesamtziel “Einstieg in erneuerbare Energiequellen und -erzeugungsprozesse” ist. Wer nur den Ausstieg begleitet z. B. in der Endlagerfrage und dem Rückbau der AKWs der denkt noch nicht ganz bis zum Ende mit, auch wenn hinter den v.g. Bereichen allein schon politische Arbeit bis zum abwinken lauert.
Der Gestaltungsrahmen der Energiewende muss alle Phasen und Bestandteile des Prozesses von der Energiequelle bis zum Verbrauch berücksichtigen. Ich finde in einzelnen Bereichen muss sogar das Thema “Energie-Rückgewinnung” stärker in die Betrachtung mit einbezogen werden. Unabhängig davon wird die Energiewende auf jeden Fall mehr Verantwortung für den Bürger mit sich bringen, denn die Steuerung des Energieverbrauchs aus Verbrauchersicht (Energiebedarf aus Erzeugersicht) hat jeder Bürger selbst in der Hand. Der Erfolg der Energiewende hängt demnach nicht nur von technischen Entwicklungen ab sondern auch davon, in wie weit Bürger ihre neue Rolle als Verbraucher und Lieferanten von Energie annehmen. Fördermittel können hier nur die rationale Seite abdecken – “die Energiewende” muss zunächst in den Köpfen stattfinden, um eingefahrene Verbrauchsmuster zu verändern.
Wie lange wird der Vollzug der Energiewende dauern? Wer heute den Bürgern verspricht die Energiewende sei bis zum Jahr xy geschafft hat noch weniger Ahnung vom Thema als ich, denn die Energiewende folgt derzeit einem Szenario dessen Drehbuch noch nicht vollständig ausformuliert ist. An sich ist es okay sich durchaus sportliche Ziele zu setzen und diese mit Daten zu hinterlegen an denen man die Fortschritte misst, ich halte es jedoch für brandgefährlich Termine betreffend der Energiewende am politischen Wahl-Kalender auszurichten, denn machen wir uns da nix vor, es wird auch Rückschläge geben wie z. B. vor ca. anderthalb Jahren, als Windkraftanlagen reihenweise von Blitzeinschlägen erledigt wurden, oder die Entwicklung von Solarzellen aus “schmutzigem Silizium” ins Stocken geriet. Einen Indikator für den Vollzug der Energiewende zu benennen würde ich mich derzeit auch nicht trauen.
Gebietsgrenzen dürfen beim Umbau von Versorgungsinfrastruktur keine Rolle spielen. Es muss möglich sein jede Verbrauchsstelle an die nächstliegende Erzeugungsstelle anzuschliessen. D. h. das Leitungsnetz muss engmaschiger werden. Dann könnte z. B. Schannenbach auch von Gronau aus versorgt werden oder umgekehrt.
Szenario der Lautertaler Energiewende:
Phase 1: Dezentralisierung der Energieerzeugung, Verbrauchsoptimierung, Netzsteuerung
Phase 2: Umstellung des Primärenergieträgers auf lokale erneuerbare Energieträger
Phase 3: Aufbau der Infrastruktur zur lokalen Erzeugung von nachwachsenden Energieträgern
Phase 4: Optimierung von Verbrauchskurven, Aufbau von Speicherlösungen (Pufferspeicher und Speicher für Primärenergieträger)
Wie und Wo kann der Einstieg beginnen?
Um der Energiewende zum Durchbruch zu verhelfen ist es erforderlich möglichst zügig eine möglichst hohe Kapazität an elektrischer Leistung zu installieren und ans Netz zu bringen. Dadurch werden die Kraftwerksbetreiber gezwungen einzelne Kraftwerke im Teillastbetrieb zu betreiben und das rechnet sich nicht. In der Prioritätenliste müssen demnach solche Standorte und Anlagen weit oben stehen, auf die schnell, d.h. ohne jahrelange Genehmigungsverfahren, zugegriffen werden kann.
Am einfachsten ginge dies derzeit mit dem sog. Repowering bestehender Windkraftanlagen – aber in Lautertal gibt es keine bestehenden Anlagen. Die Installation von Photovoltaikanlagen dürfte wenig Probleme bereiten, ist aber mit einem unschönen Nebeneffekt behaftet, denn der Löwenanteil der notwendigen Investitionen muss von Privathaushalten getragen werden und rechnet sich erst nach vielen Jahren. Investitionshemmend wirkt die gesenkte Einspeisevergütung für Solarstrom und es liegt in der Natur der Sache, dass Photovoltaikanlagen nachts keinen und im Winter wenig Strom liefern.
Ich denke, Lautertal wäre gut beraten den Einstieg in die Energiewende über Blockheizkraftwerke in öffentlichen Gebäuden wie z. B. Rathaus, Kindergärten, Sporthallen und – zusammen mit dem Kreis – Schulen anzugehen. Über entsprechend ausgestattete Förderprogramme sollte auch die Installation in grösseren Betrieben wie z. B. die Steinbetriebe zwischen Elmshausen und Reichenbach oder Gadernheim machbar sein.
Im Sinne der o.g. Phase 1 wäre es mit einer Investitionssumme von ca. 2,5 Mio. Euro möglich in Lautertal ein Netz von 30 dezentralen Blockheizkraftwerken mit einer Gesamtleistung von ca. 1,8 Megawatt aufzubauen. Damit wäre ein erster Schritt von den zentralen Grosskraftwerken hin zu dezentralen Erzeugungsanlagen getan.